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Kapitel 2: Puls Models - Bemerke was Du tust...

   Berlin. Es war an einem kalten Wintertag, kurz nach Silvester, im Jahr 2010 als ich in den Schönhauser Alle Arcaden bummeln war. Plötzlich kam eine Frau auf mich zu und sprach mich an. Sie fragte ob ich nicht Lust hätte zu Modeln und ob ich da schon Erfahrungen mit hätte. "Ein bisschen." antwortete ich. Die Situation war komisch. Denn zum einen musterte mich die Frau sehr genau mit ihrem durchdringenden Blick und gleichzeitig kramte sie dabei die ganze Zeit in ihrer übergroßen und bis obenhin vollgestopften Umhängetasche herum. Schließlich zückte Sie eine Visitenkarte und gab sie mir. Ich solle gleich heute oder morgen dort anrufen und einen Termin mit ihrer persönlichen Assistentin ausmachen. "Okay, danke." sagte ich und nahm die Visitenkarte. Als ich gerade schon gehen wollte fragte sie noch ob meine Haare gefärbt sein, oder ob ich von Natur aus rot wäre. Etwas verwirrt von dieser plötzlichen Frage sagte ich: "Nein, das ist nur gefärbt. Eigentlich bin ich blond." "Schade." entgegnete Sie, drehte sich um und ging. Da stand ich nun also leicht verwirrt in dem Einkaufszentrum und schaute auf die Visitenkarte.

 

   Die Frau war Dagmar Puls. Ehemaliges Top Model, Inhaberin der Model Agentur Puls Models, Model Trainerin und Choreografin.

 

   Wie ich es ihr versprochen hatte rief ich noch am Nachmittag in der Agentur an. Ich sollte am nächsten Tag gleich zum Model Training vorbei kommen. 'Model Training? Was ist das denn?' fragte ich mich. 'Laufen und Posen lernen bestimmt. Aber gleich 4 Stunden?!! ... Wir können doch nicht 4 Stunden durchgehend Laufen und Posen üben...' Ich war neugierig geworden. Das wollte ich mir anschauen. Und ich wurde gleich eines besseren belehrt: man kann 4 Stunden lang Laufen und Posen üben!

   Dagmar und ihre Assistentin Jasmin begutachteten mich gespannt und fachsimpelten darüber zu welchen ihrer Kunden ich besonders gut passen könnte. Und wieder drehte sich alles um meine Haare. Haare nach vorne, Haare nach hinten, Seitenscheitel, Mittelscheitel, Dud... Alles wurde genau begutachtet. 'Was haben die denn bloß immer mit meinen Haaren?' überlegte ich und ließ einfach alles über mich ergehen. Bald wurde ich aufgeklärt: die Agentur ist spezialisiert auf die Haarkosmetik Branche. L'Oréal und Wella zählten zu ihren besten Kunden. Da war es natürlich wichtig gepflegte Haare zu haben mit denen die Friseure dann viel anfangen konnten: schneiden, färben, hochstecken... das gehört alles mit zur Show. Und da war ich zu dem Zeitpunkt eine sehr ungeeignete Kandidatin für! Meine langen Haare passten damals irgendwie nicht so richtig zu mir. Außerdem waren sie total kaputt, weil ich kurz vorher den Versuch unternommen hatte mir eine Dauerwelle machen zu lassen was aber voll nach hinten losgegangen war. Statt lockig waren meine Haare nur noch strohig und die schöne rote Farbe hatte auch sehr unter der ganzen Chemie gelitten. Kein Wunder also dass Dagmar und Jasmin nicht besonders begeistert von meinen Haaren waren. Ich war ja selber auch unzufrieden damit. Aber das sollte sich zum Glück bald ändern...

 

   Ich wurde Mitglied in der Agentur und fühlte mich dort pudelwohl! Ich konzentrierte mich voll und ganz auf mein neues Hobby und war meistens 3 bis 4 mal pro Woche zum Model Training dort. Und bemerkenswerter Weise vergingen die 4 Stunden immer wie im Fluge. Wir waren ein haufen junger, hübscher, gackernder Mädels und meistens waren auch ein oder zwei Jungs mit dabei. Das Training war sehr intensiv da in wenigen Wochen die TOP HAIR bevorstand. (Die größte Haarkosmetik Messe Deutschlands.) Neben mir waren gerade viele neue, junge, talentierte aber noch unerfahrene Mädchen der Agentur beigetreten. Und wir mussten alle schnell Fitt gemacht werden für die große Show. Ich war mit meinen fast 20 Jahren schon eine der älteren. Die jüngste war 14, die meisten anderen gingen noch zur Schule, machten Abitur oder Studierten. Ich hatte meine Ausbildung bereits abgeschlossen und war schon mitten im Berufsleben. Da ich bei meinem damaligen Teilzeitjob zum Glück sehr flexieble Arbeitszeiten hatte konnte ich an fast jedem Training teilnehmen. In dieser Zeit habe ich viel von Dagmar Puls gelernt.

   Ihre ganzheitliche Methode das Modeln als Handwerk, das erlent werden muss, anzusehen gefiel mir sehr gut und ich saugte alles in mich auf was sie sagte. Ein Spruch ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben und man kann ihn auch wunderbar auf diverse andere Lebensbereiche, zum Beispiel beim Tanzen, anwenden:

 

" Bemerke was Du tust, dann kannst Du es, sofern Du das möchtest, verändern! "

 

   Bald kamen die ersten Castings. Aber keiner wollte mich buchen. Alle Friseure schauten entgeistert auf meine strohigen Haare und dachten sich wahrscheinlich: 'bei der ist das Hoffnungslos...' Nur bei einer Modenschau die Dagmar für ihre befreundete Designerin Ali Thompson choreografierte durfte ich mitlaufen. Auch die TOP HAIR fand in diesem Jahr noch ohne mich statt. Es war frustierend sich so viel Mühe zu geben, 4 mal wöchentlich zum Training zu gehen und von einem Casting zum nächsten zu rennen ohne gebucht zu werden. Aber ich ließ mich nicht unterkriegen und blieb am Ball. Und im Sommer sollten sich meine Bemühungen dann endlich auszahlen! Es war die große Geburtstagsshow "R50" von REDKEN - 5th Avenue NYK die in Berlin statt finden sollte. Die halbe Modelagentur war vor Ort und ich wurde wie gewöhnlich wieder einmal übersehen. Doch dann kam Dagmar zu mir und meinte sie würde es auch gut finden wenn ich mir die Haare abschneiden lassen würde. Ich stimmte sofort zu und Dagmar sprach noch mal mit dem Friseurteam. Und schwupps schon war die Buchung im Kasten und ich war Teil einer großen Show einer bekannten Haarkosmetikfirma. Und es kam sogar noch besser, denn Sam Villa (Starfriseur aus New York) höchstpersönlich schnitt mir auf der Bühne vor mehreren hundert Zuschauern die Haare.

   Von da an lief es wie geschmiert. Mit meinem neuen Kurzhaarschnitt in modernem kupferrot konnte man mich gar nicht mehr übersehen. Und auch Sam selber hatte nach der Show gesagt dass er sehr froh sei mich gebucht und mir die Haare abgeschnitten zu haben. Und das konnte ich nur erwiedern. Sam hatte mich äußerlich zu einem Model gemacht. Und Dagmar war weiterhin darum bemüht auch den Rest von mir zu einem Model zu machen. Aber es wollte einfach nicht so richtig klappen. Mit High Heels, Plateauschuhen und Co. stand ich von Anfang an (im wahrsten Sinne des Wortes) auf dem Kriegsfuß. Ich stolperte mehr über den Laufsteg, als dass ich schwebte. Ich konnte zwar mit meinen Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ausdauer und Genügsamkeit punkten, aber ich war nie eine der Topkandidatinnen in der Agentur die besonders gefördert wurde. Ich schwamm immer in dem Strom mit ohne herauszustechen. Nur ab und zu pickte Dagmar mich aus der Masse heraus um mich ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Und wenn sie das tat, dann tat sie es richtig! So wie damals in dem Kaufhaus, oder bei dem Fitting für die Modenschau von Ali Thompson. Sie hatte dann diesen alles durchdringenden Blick, wegen dem sie früher bestimmt auch Topmodel gewesen ist. Ich lief auf wackeligen Füßen mit weichen Knien durch den Proberaum der Agentur und hatte das Gefühl dass Dagmar Puls alles von mir sehen konnte. Mein Skelett, meine Gedanken, meine Gefühle, ja sogar die Energie die in mir war und die mich umgab. Und sie war in der Tat ein sehr spiritueller Mensch und beschäftigte sich viel mit Energie und dergleichen. Auch in dieser hinsicht habe ich einige wichtige und nützliche Impulse und Inspirationen von ihr mit auf den Weg bekommen.

 

   Ich hatte eine sehr schöne, intensive und lehrreiche Zeit bei Puls Models in der ich mich in vielen Bereichen weiterentwickelt habe und gewachsen bin. Aber die Agentur hat sich mit der Zeit verändert. Und ich habe mich mit der Zeit verändert. Und irgendwann passten wir einfach nicht mehr zusammen. Wir wollten unterschiedliche Dinge, hatten verschiedene Ziele und andere Prioritäten. Und so trat ich nach gut 2 Jahren im Frühling 2012 aus der Agentur aus.  Die letzte Haarshow für die ich im Februar 2012 gebucht wurde war wieder von REDKEN gewesen. (Diesmal leider ohne Sam Villa.) Es endete also so wie es angefangen hatte. Die Ironie des Schicksals...

 

   Heute denke ich sehr gerne an meine Zeit bei Puls Models zurück. Und wenn ich mir so die alten Bilder anschaue kommt fast ein bisschen Sehnsucht in mir hoch. Aber ich muss auch sagen dass ich niemals Hauptberuflich Model werden würde! Und das nicht nur wegen den Schuhen...

   Heute ist Modeln ein Hobby von mir und ich hatte schon viele tolle Fotoshootings mit diversen Fotografen, Visagisten und Designern. Auf meiner Model-Kartei SedCard könnt ihr euch die vielen schönen Bildchen anschauen:

Ganz liebe Grüße,

 

eure Joanne


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